Projektgeschichte

1993 begann Frau Dr. Gabriele Wohlauf, Sammlungsleiterin für Produktionstechniken am Deutschen Technikmuseum, die dortige Abteilung manufakturelle Schmuckproduktion aufzubauen. Schnell wurde ihr klar, dass das bloße Sammeln und Ausstellen historischer Maschinen der Schmuckproduktion für die Vermittlung nicht ausreichen würde.

In der Goldstadt Pforzheim suchte sie nach alten Experten, die noch in der manufakturellen Schmuckherstellung tätig waren.

 

So kam Walter Zaiß, (Guillochiermeister) damals bereits Ende 70 an das Deutsche Technikmuseum um hier die Guillochierabteilung einzurichten und sein Wissen an den Vorführer Manfred Schweiß weiterzugeben. Weitere Experten folgten.

Walter Gräßle, seines Zeichens Hohlpräger und Presser übernahm die Einrichtung der Prägerei mit den kiloschweren Fallhämmern und Pressen. Die Gießerei mit dem Zinnschleuderguss wurde von Peter Stantscheff (Feingießer) mit aufgebaut und die Firma Fico half bei der Einrichtung der Kettenmaschinen.

 

Im Dezember 1996 konnte mit Hilfe dieser Experten die erste Ausstellung zum Thema Schmuckproduktion, mit entsprechendem Vorführbetrieb, im DTM eröffnet werden.

Nach und nach wurde die Abteilung Schmuckproduktion weiter ausgebaut. Es wurden weitere Berufsbilder vorgestellt wie der Zurichter oder der Kabinettmeister. Hinzu kamen neue Kontakte zu alteingesessenen Pforzheimer Schmuckfirmen.

Um das auf diese Weise ausfindig gemachte Fachwissen um teilweise vom Aussterben bedrohte Techniken langfristig zu bewahren begann das Deutsche Technikmuseum im Jahr 2000 mit der Fa. Smidak Filmproduktion ein umfangreiches Filmprojekt.

Die Experten wurden Interviewt und bei ihrer Arbeit gefilmt. Alle entscheidenden Arbeitsschritte wurden filmisch festgehalten. Firmenportraits und Beiträge zur Pforzheimer Geschichte ergänzten die Sammlung.

 

Die ständig wachsende Abteilung manufakturelle Schmuckproduktion wurde 2005 im Beamtenhaus des Deutschen Technikmuseums neu aufgebaut und wiedereröffnet. Die bis dahin gedrehten Filme wurden in kurzen Beiträgen an Medienstationen für die Besucher in die Ausstellung integriert.

 

All die Recherchen hatten eines deutlich gemacht: Viel von dem alten Wissen war bereits über die Generationen verloren gegangen. 2005 imitierte Frau Dr. Wohlauf daher ein umfangreiches Forschungsprojekt. 12 Jugendstilschmuckstücke aus Pforzheim aus der Zeit um 1900 sollten mit den historischen Techniken rekonstruiert werden. Die Schmuckstücke stammten aus dem Fundus des Schmuckmuseums in Pforzheim. Zu den Experten der Schmuckproduktion, die bereits beim Aufbau der Abteilung manufakturelle Schmuckproduktion geholfen hatten kamen weitere wie der Zurichter Elmar Schuster, der Kettenmechaniker Herbert Mutschelknauß, der Modellgoldschmied Werner Wochele, die Emailleurein Christl Stierle, der Walzenexperte Werner Stierle, die Stahlgraveure Oswald Dieterle und Egon Schuster und einige mehr. Aber nicht nur Handwerker, auch Fabrikanten, wie Uschi Bodemer, Jörg Lerch und Peter Schweizer sowie Zulieferer wie die Firmen C. Hafner und Karl Fischer GmbH unterstützten das Projekt mit Rat und Tat.

Aber nicht nur Pforzheimer Wissen wurde genutzt. Es fand ein reger Austausch mit Experten aus den Schmuckzentren Idar-Oberstein, Hanau und Schwäbisch Gmünd statt.

Auch dieses Forschungsprojekt wurde umfassend filmisch dokumentiert.

Die Ergebnisse wurden 2008 erstmals im Bröhan-Museum in Berlin der Öffentlichkeit präsentiert. Die Wanderausstellung war zudem 2008/2009 im Schmuckmuseum Pforzheim, 2009/2010 im Goldschmiedehaus Hanau und 2011 im Osterzgebirgsmuseum Lauenstein zu sehen.

Die Ausstellungen erweckten das Interesse der jungen Goldschmiede und Schmuckgestalter.

2008 kam es daher zum ersten Seminar im Deutschen Technikmuseum Berlin mit Studenten der Hochschule Pforzheim Fakultät für Gestaltung und den Experten der AG Schmuck verbindet. Ziel war es den jungen Leuten, die alten Techniken näher zu bringen, sodass diese damit neue ansprechende Designs entwickeln konnten.

 

Aus diesem ersten Versuch heraus entstand ein umfangreiches Seminarangebot. Seit 2010 besteht die Kooperation zwischen dem Deutschen Technikmuseum und der Hochschule Pforzheim. Unter dem Titel Pforzheim revisited beschäftigen sich die Studenten des Studiengangs SOdA (Schmuck und Objekte der Alltagskultur) ein Semester lang mit der manufakturellen Schmuckherstellung. Höhepunkt ist ein einwöchiges Seminar im Deutschen Technikmuseum währenddessen die jungen Designer innovativen Schmuck mit historischen Techniken entwerfen und umsetzen.

Weitere Seminare für Goldschmiedelehrlinge und ausgelernte Schmuckschaffende ergänzen das Programm, dass die Tradierung der manufakturellen Schmuckfertigung zum Ziel hat.

Von der Firma C. Hafner wird zu dem seit 2011 ein Stipendium angeboten, dass es Absolventen der Hochschule Pforzheim erlaubt für 3-6 Monate im Deutschen Technikmuseum mit den historischen Maschinen zu arbeiten.

 

2013 hat sich das Projekt manufakturelle Schmuckgestaltung als Beispiel Guter Praxis für die Vermittlung von immateriellem Kulturerbe bei der UNESCO in Deutschland beworben.

 

Das Projekt wird kontinuierlich erweitert. Neue Kooperationspartner wie das Kreativzentrum EMMA in Pforzheim erweitern das Angebot zur Tradierung der manufakturellen Fertigungstechniken. Außerdem wird das Filmarchiv, sowie die Dokumentation der Techniken und Maschinen kontinuierlich erweitert.

 

2015 hat sich der gemeinnützige Verein „Manufakturelle Schmuckgestaltung e.V.“ gegründet, der sich die Förderung des gleichnamigen Projektes zum Ziel gesetzt hat.

Timeline

1993 – 1996 Aufbau der Ausstellung Manufakturelle Schmuckproduktion im Deutschen Technikmuseum.

Beteiligte Experten:

…für die Guillochierabteilung Walter Zaiß, Giullochiermeister und Jochen Wolters, Leiter der Goldschmiedeschule Pforzheim

… für die Prägerei und Presserei Walter Gräßle, selbständiger Präger/ Presser aus Pforzheim

… für die Gießerei Peter Stantscheff, Kunst- und Feingießer aus Pforzheim

… für die Kettenherstellung Fa. Fico

 

 

12/ 1996 Eröffnung der Ausstellung Manufakturelle Schmuckproduktion im Deutschen Technikmuseum

 

1997 – 2001 Erweiterung der Schmuckproduktion um zusätzliche Verfahrenstechniken und Berufe:

Fa. Wengert – Guillochieren, Fa. Zerrenner – Armreifherstellung und Berufe des Zurichters und Kabinettmeisters, Fa. Variata Gießtechniken, Fa. Bartholomä – Halbzeuge und Werkzeugbau, Fa. Wiedmann – Schleifen, Polieren und Silberwaren, Fa. Schofer – Kettenherstellung, Fa. Daub – Kabinettproduktion, Stadtarchiv Pforzheim, Fa. BH Mayer - Medaillenherstellung

 

2000 Start der filmischen Dokumentation aussterbender Berufe mit Water Zaiß – Guillocheur

 

2001 – 2005 Erweiterung des Filmprojekts um Aufnahmen

- zur manufakturellen Faberge-Ei-Herstellung bei Fa. V. Mayer

- zur Kabinettproduktion Art Deco bei Fa. Daub

- zur Holprägung bei Walter Gräßle

- zur Kettenherstellung bei Fa. Schofer mit Herbert Mutschelknauß

- zum Beruf Zurichter bei Fa. Zerrenner mit Elmar Schuster

- zur Gießkunst bei Peter Stantscheff

- zum Emaillieren bei Christl Stierle

 

2005 Neueröffnung der erweiterten Ausstellung Manufakturelle Schmuckproduktion im Beamtenhaus des Deutschen Technikmuseums

 

2005 – 2010 Projekt zur Rekonstruktion und filmischen Dokumentation der manufakturellen Herstellung von 12 ausgewählten Jugendstilschmuckstücken aus Pforzheim von Anfang des 20. Jahrhunderts

 

Kooperation mit den Experten der AG Schmuck verbindet aus Pforzheim sowie Experten weiterer Schmuckmetropolen z.B. Idar-Oberstein, Hanau und Schwäbisch Gmünd

 

Erweiterung der Filmaufnahmen zur Pforzheimer Geschichte sowie einzelne Firmenportraits

 

2008 – 2011 vier Wander-Sonderausstellungen (Bröhan Museum Berlin 2008; Schmuckmuseum Pforzheim 2008/09; Goldschmiedehaus Hanau 2009/10; Osterzgebirgsmuseum Lauenstein 2011) zur Rekonstruktion von Jugendstilschmuck mit Herstellung spezieller Vitrinenmodule zur musealen Vermittlung der Verfahrenstechniken durch das DTM;

 

Begleitfilm „Schmuck für alle“ (50 Min)

2008 Erstes Seminar mit den Experten der AG Schmuck verbindet und Schülern der Hochschule Pforzheim mit dem Ziel der Tradierung der manufakturellen Verfahrenstechniken und Anwendung selbiger für neue Designs und Entwürfe.

 

Seit 2010 Kooperation mit der Hochschule Pforzheim. Jährliches Semesterprojekt unter dem Titel Pforzheim revisited mit einwöchigem Seminar im Deutschen Technikmuseum Berlin zusammen mit Experten der AG Schmuck verbindet.

 

Regelmäßige Seminare für Goldschmiedelehrlinge (besonders Zeichenakademie Hanau) zur Vermittlung der manufakturellen Fertigungstechniken im Deutschen Technikmuseum

 

Seit 2011 jährliches bis zu 6 Monatiges Stipendium der Firma C. Hafner

 

Seit 2013 Angebot von Workshops für ausgelernte Goldschmiede und Schmuckgestalter zur Tradierung der manufakturellen Fertigungstechniken der Schmuckproduktion